Suchmaschine: Google fehlt es an Emotionen

Der Einfluss der sozialen Netzwerke auf Suchergebnisse bei Google sei gering, schreibt SEO-Experte und Blogger Steven Broschart. Denn Algorithmen seien nicht in der Lage, Emotionen auszuwerten.

Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke auf das Ranking der Suchergebnisse von Google? Viele SEO-Experten sehen einen direkten Zusammenhang. Viele positive Bewertungen der Nutzer zeigten ein ehrliches und repräsentatives Bild eines Produkts, einer Person oder Website. Das stimmt nicht. Denn Algorithmen sind nicht in der Lage, objektive Sachverhalte von den Nutzeraktivitäten abzuleiten.

Social Signals

Wenn über Social Media und die Bewertung der sozialen Medien durch die Suchmaschine geredet wird, geht es in erster Linie um Social Signals. Das sind nicht nur Likes, Shares, +1 oder andere Bewertungen, sondern alle Spuren, die Nutzer hinterlassen, um eine persönliche Meinung abzugeben. Dazu zählen auch Tweets, Retweets, Rezensionen, Blogbeiträge, Kommentare und andere textuelle Informationen. Auch externe Verlinkungen zählen dazu.

Korrelationen

Matt Cutts, Leiter des Google-Spam-Teams, hat immer wieder vor einer Überbewertung dieser Social Signals für die Suchmaschinen gewarnt. Eine aktuelle Studie von Searchmetrics zeigt, welche Indikatoren mit performanten Platzierungen korrelieren.

Zwar lässt sich feststellen, dass Domains mit einem starken Ranking mit vielen Social Signals einhergehen. Aber es lässt sich nicht herausfinden, ob wirklich die Tweets und Likes für das gute Ranking verantwortlich waren, oder ob diese nur zustande kamen, weil die Domain bekannter ist als andere.

Korrelationen sollten immer kritisch betrachtet werden. Ob ein Einfluss von A auf B oder von B auf A besteht, lässt sich nicht immer zweifelsfrei bestimmen. Und die Korrelation zwischen der schwindenden Storchpopulation und den Geburtenrückgängen in Deutschland zeigt, dass manche Vergleiche eben auch Blödsinn ohne gemeinsamen Nenner sein können.

Soziale Netzwerke können nicht vollständig indexiert werden

Google ist bei der Erfassung von Informationen darauf angewiesen, diese auch mit dem eigenen Crawler zu erreichen. Separierte und geschützte Systeme wie auch soziale Netzwerke sind für Google in weiten Teilen nicht indexierbar.

Während ein Like bei Facebook oder ein +1 bei Google+ noch als eindeutige Empfehlung interpretiert werden kann, so ist das bei einem geteilten Beitrag schwierig. Denn ein mit anderen geteilter Artikel muss nicht unbedingt von guter Qualität sein, sondern kann auch nur stark polarisieren.

Noch problematischer ist die Auswertung textueller Informationen, die semantisch ausgewertet werden müssten. Da es aber schon für einen Menschen nicht immer klar ist, was der Verfasser mit einer Nachricht sagen will, ist das für einen Algorithmus eine beinahe unmögliche Aufgabe. Auch über die reine Anzahl von Erwähnungen lässt sich nicht ermitteln, ob ein Beitrag gut oder schlecht bewertet wird. Im besten Fall lässt sich nur feststellen, dass er polarisiert.

Wird die Motivation bei der Nutzung sozialer Kanäle untersucht, dann fällt auf, dass vor allem ausgeprägte Emotionen zur Teilnahme anregen. Ärgert sich ein Anwender beispielsweise über ein Produkt, wird dieser schneller ein soziales Signal setzen und seinem Ärger Luft machen als ein Nutzer, der mit dem Produkt zufrieden ist.

Selbst darauf reagierende und loyale Produktanhänger müssen in ihrer Verteidigung nicht immer objektiv zur Sache beitragen. Aber auch die Interaktionen in Blogs oder Foren sind von vielen Faktoren geprägt, die aus klassischen Aspekten der Gruppendynamik heraus resultieren.

Die Ergebnisse einer Auswertung von User Signals können also nicht repräsentativ und schon gar nicht objektiv sein.

Ranking-Faktoren und deren Manipulierbarkeit

Ein weiterer Aspekt ist die Manipulierbarkeit von Ranking-Faktoren. Keine Suchmaschine kann sich leicht manipulierbare Bewertungsmechanismen leisten, die die Qualität der eigenen Suchergebnisse gefährden. Insbesondere Google als Erfinder des linkbasierten Pagerank-Verfahrens hat in den vergangenen Jahren nichts unversucht gelassen, um dieses Problem einigermaßen zu lösen.

Die Nutzung von Social-Media-Kanälen zeichnet sich durch nahezu barrierefreie Interaktionsmöglichkeiten aus. Das ermöglicht aber auch soziale Inszenierungen größeren Umfangs.

Manipulationen in sozialen Medien treten heute bereits in den verschiedensten Formen auf, wie beispielsweise als Shitstorm, der die Reputation eines Unternehmens – nicht selten haltlos – nachhaltig schädigen kann, was sich auch auf das Ranking bei Suchmaschinen auswirkt.

Die Hinweise von Matt Cutts zum geringen Einfluss auf das organische Ranking können also durchaus ernst genommen werden. Es kann Google nicht bei der Ermittlung der Qualität eines HTML-Dokumentes oder einer Domain helfen.

Um die Wertigkeit einer Website zu ermitteln, sollte eher die Interaktion der Nutzer auf der Website berücksichtigt werden. Kann diese den Nutzer überzeugen und ist Google in der Lage dazu, entsprechende User Signals zu erfassen und zu interpretieren, dann wird das für gute Platzierungen in den organischen Suchergebnissen sorgen.

User Experience als Schlüssel für gutes Ranking

Trotzdem bleibt Social Media weiterhin ein wichtiger Katalysator bei der Generierung von Traffic. Dieser sorgt aber nur dann für bessere Platzierungen, wenn die angesprochenen Websites überzeugen.

Der Schlüssel für künftige Topplatzierungen liegt damit in der User Experience. Eine große Herausforderung für klassische SEO-Agenturen, die sich spätestens jetzt mit dem entsprechenden Know-how ausstatten sollten und die rein technische Betrachtungsweise abstreifen müssen.

Steven Broschart ist bei einem Münchner Unternehmen für die Bereiche Suchmaschinenoptimierung und User Experience verantwortlich. Außerdem hat er das Buch Suchmaschinenoptimierung & Usability geschrieben. Broschart arbeitet als freier Autor für Fachmagazine und bloggt auf Optimizeordie.de.

 

Quelle:

http://www.golem.de/news/